Adam Curtis

In Großbritannien schon lange eine Kultfigur: Adam Curtis. Seine TV-Dokumentationen sind philosophisches Essay, politisches Traktat und ästhetizistisches Kunstwerk in einem.

Adam Curtis

Patrick Tore

14 / 01 / 2016


In Deutschland ist er eher Insidern bekannt, in seiner Heimat Großbritannien hingegen ist Adam Curtis schon lange (eine nicht ganz unumstrittene) Kultfigur. Er selbst sieht sich schlicht als Journalist, aber das führt eigentlich auf einen falschen Weg, denn die TV-Dokumentationen, die er seit den 90ern in regelmäßigen Abständen in fast vollständiger Eigenarbeit produziert, sind eigentlich keine Reportagen, sondern philosophisches Essay, politisches Traktat und äthetizistisches Kunstwerk in einem.

Seine Filme bestehen fast ausschließlich aus obskurem Archivmaterial, und man ahnt, wie viele Stunden er damit zugebracht haben muss, die 10 Sekunden zu finden, die es auf den Punkt bringen, um sie gegen 2 Sekunden Material aus einem ganz anderen Kontext zu schneiden, um noch einen sarkastisch draufzusetzen, pointiert untermalt mit einem bizarren Soundtrack.

Im Off ist immer seine sonore Stimme gegenwärtig, die von Dingen erzählt, bei denen man sich regelmäßig fragt, warum man davon eigentlich noch nie etwas gehört hat. Von Edward Bernays etwa, einem Neffen von Siegmund Freud, der Anfang der 1920er Jahre das Konzept Public Relations erfand, indem er die Theorien seines Onkels in der Werbung umsetzte. Er kam als Erster auf die Idee, in Reklame unterbewusste Wünsche anzusprechen, statt die Menschen objektiv vom funktionalen Nutzen überzeugen zu wollen. Das ist aber nur der erste Teil der dreiteiligen Dokumentation "The Century of the Self" von 2001, die einen Bogen spannt von Bernays zur Hippie-Bewegung der 60er und 70er und deren Wunsch zur Selbstfindung - bis hin zur postmodernen Konsumgesellschaft, in der die eigene individuelle Persönlichkeit über Markenprodukte definiert wird.

2004 entstand der Dreiteiler "The Power of Nightmares", in dem er versuchte, Parallelen im Ursprung und im Denken der Neokonservativen in den USA einerseits und den Islamisten andererseits aufzuzeigen und dabei die These vertrat, dass Al-Quaeda als weltweit agierende Terrororganisation in weiten Strecken eine Erfindung der amerikanischen Rechten sei.

Auch wenn es danach klingt, Curtis ist kein Anhänger von Verschwörungstheorien, im Gegenteil. Verschwörungstheorien zeichnet ja aus, dass im Hintergrund eine dunkle Macht die Strippen zieht. D. h. dass es eine feste, wenn auch verdeckte, Machtstruktur gibt, dass also 9/11, das JFK-Attentat, die Landung auf dem Mond von jemand im Hintergrund inszeniert/geplant wurde. Curtis hingegen stellt Zusammenhänge zwischen parallelen Entwicklungen und gesellschaftlichen Strömungen her, die offensichtlich nicht zentral gesteuert sind. Bei seinem Weltbild ist Macht etwas, das, wie bei Hannah Arendt, zwischen den Menschen entsteht und nicht etwas, das einfach von oben nach unten ausgeübt wird. Glaubt man an Verschwörungstheorien, müsste man für eine bessere Welt eigentlich nur die Macher im Dunkeln entlarven und an die Wand stellen. Das funktioniert bei Curtis nicht, denn die Verteilung von Macht in der Gesellschaft, d. h. woher sie kommt und wie sie sich (immer wieder neu) verteilt, hängt, wenn man ihm folgt, nicht von einflussreichen Menschen oder Gruppen ab, sondern von Ideen und Ideologien, die sich zufällig und chaotisch entwickeln.

Deutlich wird das auch in the "The Trap" von 2007. In dem Dreiteiler geht es um die Wandlung des Menschenbildes in der modernen Gesellschaft, bei dem es immer mehr darum gehe, als einzelnes Individuum gegen andere zu gewinnen, wodurch eine paranoide Logik des Zusammenlebens entstehe, die, wie eine Maschine, die Schach spielt, jeden Mitmenschen als Gegner definiere. Weiterentwickelt wurde das 2011 in "All Watched Over by Machines of Loving Grace", wo Curtis argumentiert, dass die Allgegenwärtigkeit von Computern dazu führe, dass wir unser Handeln und Denken daran anpassen, wie Computer funktionieren.

Curtis ist auf den ersten Blick kein Sozialrevolutionär, seine Filme enthalten keine Handlungsanweisungen oder Visionen für die Zukunft. Er beschränkt sich rein auf die Analyse. Gleichzeitig lässt er bei seinen Schlussfolgerungen keinen Interpretationsspielraum zu. Wer sich auf seine Filme einlässt, betritt seinen Kopf und muss sich auf ein in sich geschlossenes Weltbild einlassen, bei dem man den Weg mit ihm bis zum Ende mitgehen muss.

Curtis hat allerdings auch eine politische Agenda. Seine Theorien sind immer auch Ideologie und fordern implizit daher konkrete Aktionen. Explizit werden diese allerdings nicht genannt, Curtis begibt sich nie aus der Tarnung der philosophischen Betrachtung. Seine Rolle bleibt die der alles erklärenden Stimme aus dem Off - die keinen Widerspruch duldet.

Insofern war es interessant zu sehen, wie Curtis in einer Diskussionsrunde agiert. Im Oktober 2015 fand im Berliner Hebbel Theater ein Adam Curtis Weekend statt, beide Abende waren komplett ausverkauft. Das Publikum war gemischt, viel, was nach (geisteswissenschaftlichem) Student im höheren Semester aussah, daneben aber auch typische (über 40 Jahre alte) Theaterbesucher. Männer und Frauen in der Verteilung 50/50.

Den ersten Abend begann Curtis mit einer Präsentation, während der er kurze Ausschnitte aus seinen Filmen zeigte. Danach folgte ein Interview, bei dem die beiden Interviewer einen etwas unvorbereiteten Eindruck machten. Ergiebiger war der zweite Abend, für den eine Podiumsdiskussion mit dem bekannten Autor Mark Fisher angesetzt war.

An beiden Tagen kam Curtis immer wieder auf Eliza zu sprechen, ein in den 60er-Jahren von dem deutsch-amerikanischen Informatiker Joseph Weizenbaum entwickeltes Computer-Programm. Eliza kann eine oberflächliche Konversation simulieren, indem es die Eingabe des Nutzers umformuliert an diesen als Fragen und Kommentare zurückspielt. Das Programm gibt es online Wenn man sich auf das Programm einlässt, funktioniert es tatsächlich. Wie bei einem Psychotherapeuten entsteht eine Art Selbstgespräch in Form eines Dialogs.

Curtis verwendete Eliza nun als Metapher dafür, wie die Kommunikation in sozialen Netzwerken ablaufe. In Facebook und Twitter finde kein echter Dialog statt, sondern es seien reine Echo-Boxen, in denen das ewig Gleiche widerhalle. Die Nutzer bewegten sich in ihrer Bubble aus gegenseitiger Bestätigung - ohne intellektuelle Auseinandersetzung.

Diese These wurde von Mark Fisher und auch vom Publikum nicht unwidersprochen hingenommen - und wohl zu recht, schließlich interagieren im Internet ja Menschen miteinander und keine Maschinen. Daher müsste es wohl eher um die Frage gehen, ob Facebook und Twitter als Medium durch ihre technischen Voraussetzungen eine bestimmte Art des Diskurses begünstigen.

Bemerkenswert war nun Curtis' Reaktion auf Einwürfe und Fragen des Publikums, die er eher zum Anlass nahm, seine eigenen Ansichten zu wiederholen, als auf sie argumentativ einzugehen, was nach einiger Zeit sehr auffällig war. Mark Fisher ignorierte er während des Gesprächs so vollkommen (er sah ihn nicht einmal an), dass dem durchaus fähigen Interviewer die Frustration nach einiger Zeit deutlich anzumerken war.

Paradox ist in jedem Fall, dass Curtis selbst durch seine Filme und sein Verhalten das perfekte Gegenbeispiel für seine am Weekend vertretene These darstellt. Curtis ist der geniale Solipsist, der seine Theorien isoliert entwickelt, seine Filme selbst schreibt, schneidet und produziert. Er zeigt also, dass der Monolog mit sich selbst, die hermetische Bubble, durchaus kreative Ergebnisse zeitigen kann. Außerdem, was ist mit den Künstlern vergangener Jahrhunderte, die sich regelmäßig in kleinen Zirkeln mit anderen Künstlern trafen und sich ganz bewusst abgrenzten? Ihrem künstlerischen Schaffen tat das keinen Abbruch.

Für alle, die sich einen ersten Eindruck von Curtis verschaffen wollen, eignet sich der 6-minütige Kurzfilm "Oh Dearism" von 2009, den er für das britische Satireprogramm Newswipe produzierte. Ansonsten ist als Einstieg sicherlich der oben erwähnte Dreiteiler "The Century of the Self" von 2001 empfehlenswert.

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