The Living and the Dead

Die BBC-Serie "The Living and the Dead" ist eine faszinierende Mischung aus Kostümdrama und Geisterserie.

The Living and the Dead

Philipp Noltensmeier

26 / 06 / 2017


Sommerset, England, im Jahr 1894: Nach dem Tod seiner Mutter kehrt der weltgewandte Psychologe Nathan Appleby zurück auf die elterliche Farm und macht seine Frau, eine Fotografin, zur Gutsverwalterin. "Erwarte nicht, dass jeder hier den frischen Wind willkommen heißt..." ermahnt er sie, und tatsächlich stehen die traditionellen Dorfbewohner dem jungen Paar aus London und ihren Ideen skeptisch gegenüber. Schon bald geschehen merkwürdige Dinge: Die sechzehnjährige Pfarrerstochter Harriet hört Stimmen und hat Visionen. Der aufgeklärte Psychologe Appleby glaubt, sie habe auf einem Phonographen die Stimme des verstorbenen Abel gehört und sich aus Angst vor ihrer Sexualität ein zweites, männliches Ich geschaffen. Doch als die seltsamen Vorfälle sich mehren, kommt auch der an Wissenschaft und Vernunft glaubende Nathan an seine Grenzen. Nach einer folgenschweren Hypnose Harriets fragt er verunsichert seine Frau, ob sie gerade einen Blick auf "die andere Seite" geworfen haben - nicht ahnend, wie viel Verstörendes er noch zu sehen bekommen wird...

Die Titelsequenz des Sechsteilers, untermalt von einem jahrhundertealten Klagelied über die Reise der Seele ins Fegefeuer, basiert auf Stan Brackhages Kurzfilm "Mothlight", ein "found foliage"-Film, für den der Experimentalfilmer tote Motten und Blätter zwischen zwei Filmstreifen klebte, gewissermaßen wiederbelebte. Das passt - geht es in der BBC-Serie doch um die gespenstische Ankunft der neuen Medien im späten 19. Jahrhundert und die Beziehungen, die sie zwischen den Lebenden und Toten herstellen.

Die Fotografie war zwar damals stärker mit dem Glauben an das Übernatürliche verknüpft, aber auch heute noch sind vor allem die Bildmedien selbst ein essentieller Bestandteil moderner Horror-Geschichten ("The Ring", "Blair Witch Project", "Paranormal Activity"...)

Das mediale Konservieren und Hervorrufen des Lebendigen und Toten, das Vereinen von Anwesenheit und Abwesenheit auf Fotos, Filmen oder Tonbändern hat grundsätzlich eine gespenstische Qualität. In "The Living and the Dead" gibt es frühe Portrait-Aufnahmen, verunglückte Selfies und Tondokumente bereits Verstorbener. Nathan Appleby sehen wir bei seinem ersten Auftritt zuerst durch einen Fotoapparat. Charlotte Appleby fotografiert zu Halloween eine Gruppe kostümierter Dorfbewohner und im Nachhinein wird ein totgeglaubtes Kind im Hintergrund sichtbar. Der Pfarrer meint während eines Exorzismus aus dem Phonographen die trügerische Stimme des Teufels zu hören.

Showrunner Ashley Pharoah hat bereits in der Zeitreise-Serie "Life on Mars" einen Blick in die britische Vergangenheit gewagt, die 70er Jahre. Verglichen mit dem spätviktorianischen England eine verklärte, nostalgische und eher heitere Angelegenheit. In "The Living and the Dead" bekommt der Zuschauer zwar beeindruckende, malerische Landschaften zu sehen, doch es besteht kein Zweifel daran, dass den Lebenden und Toten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen schrecklich erscheinen. Abhängig von den Launen der Natur, von Gespenstern heimgesucht und der industriellen Revolution bedroht.

Ähnlich wie Robert Eggers "The VVitch" schafft es die Serie mit extremem Realismus dem Zuschauer das Phantastische fast so glaubhaft erscheinen zu lassen wie seinen Figuren. Die opulente Ausstattung ist prächtig, die aufwändige Kameraarbeit hervorragend und die Schauspieler, allen voran Charlotte Spencer als Charlotte Appleby, perfekt besetzt. Obwohl die sechs Episoden problemlos für sich funktionieren, ist es daher etwas schade, dass die BBC beschlossen hat, die Serie nicht fortzusetzen. "The Living and the Dead" erscheint nun in Deutschland bei polyband auf DVD/Blu-ray und ist eine uneingeschränkte Empfehlung.

"The Living and the Dead", Großbritannien 2016, Regie: Alice Troughton, Produktion: BBC, Darsteller: Colin Morgan, Charlotte Spencer, Malcolm Storry, Nicholas Woodeson, Tallulah Rose Haddon u.a. Laufzeit: ca. 348 Minuten

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